Korvin Reich

Texte (Auswahl 2010/2009; teilweise in Anthologien veröffentlicht)

IM KRÄHENRAUSCHEN

das die Felder zu-
deckt um noch letzte Sonnenstrahlen
vor dem Eis zu
fangen

wölbt sich ein Himmel
über den
andern

wohlvergessen ist die Stadt im Hintergrund
eine interessante Abwechslung

ein Baum färbt sich nur an einer Stelle rot
wie ein Ampelabdruck: Hier nicht gehen
(und bitte auch nicht denken nur einen Moment lang)

möchte all dem Plastikmüll im Gras
Kolonien warmer Betten bauen damit er es
im nächsten Leben

einmal besser hat

Federn streicheln mir den Blick in eine weite Ebene
was
die Krähen rufen wie
gern würde ich verstehen
die Zeit
die Welt
und andere

Kleinigkeiten

DIE NACHBARSPOST

ist auch so ein Gefilde
ABER ich kann mich
ja grad noch beherrschen

HELIOZOON

heißt das Sonnentierchen
das als Einzeller im Wasser
wohnt

allgemein bin ich wie jeder
denk ich

---

denk ich und kuck aus dem Fenster das
den Hof mal schattig und mal wolkig präsentiert
und

zwischendurch

wird es mal klar

ansonsten ist das Wetter
andauernd besetzt

DIE RITTER DES SPÄTFRÜHLINGS

nicht wohin mit der Freude und dem
Tarzanspargel

wenn sie sich mit Vitamin D behelmt
abseits halten der
dämmrigen Wege und Böschungen

sie wachen über die Schwermütigen wie sie mit gesenkten Köpfen thronen und
den Frohsinn bis auf Schattenlänge von sich halten

nachmittags um drei überlässt der Park
das Feld den Hordenspazierern

mitten in der Schar die Recken, sie beonkeln Spatzen, Amseln und Stare wo
es nur geht
und flattert
und fleucht

jeder Krokus den man jetzt noch
antrifft kann zum nächsten Gral erkoren werden oder zum
vergangenen Odeur der Hyazinthen

nur der gute alte
Nachlass lungert im geschenkten Wald und
schafft am letzten Lebensstück das

ein Meisterwerk werden soll

FRED DER FISCH

ist so ein Wechselwarmer tja da bleibt einem nichts Anderes

nein, Frau Oberstübchen, nein doch

ja

ich bin sehr versichert, doch
jawoll

im Flur den von der Tür aus niemand sehen darf
wohnt der Staub und rockt der Lichtmob aber
jeder sieht es wohl, der mit mir
gerade an der Schwelle steht
so wie Sie, Frau Oberstübchen,
Sie jetzt

Sie, neindoch, jawoll
nehmen Sie sich nur vom Leibgerücht,
und noch ein Stücken
noch ein Stückchen
nehmen Sie!!! Bloß

wenn ich Sie fragen sollte
wer in Wahrheit Fred der Fisch gewesen ist
dann werden Sie genauso sparsam aussehen

so wie jetzt

Halle 3

In Halle 3 gefriert die
Temperatur zu
Gedanken
um die
Eingeweiden der Deckenkabel
britzelt Unvertrauen und der
Lampenhahn

summt

hinter den Paletten tröpfelt
Dackelspeichel oder
Kühlflüssigkeit

in einen Gebirgssee, ganz aus Fett

der Motor wird angeworfen und
und
und und
und und und
eine kleine Dickmadamm fuhr mal mit der

fuhr
malmit
malmitder

EISENBAMM

aus purem Mutwillen
stapeln sich die Gabelstapler

gegenseitig

TELEANTIQUA

In gewisser Weise beruhigt Verkehrslärm im Dunkeln
sofern er von der Straße kommt

baue mir ein Stockwerk über mir
damit

ich mich besuchen kann an einem

gemütlichen Abend

ein kleines gepflegtes Loft nur
für mich
und mich
und uns beide

wir würden nur
Teleantiquas sehen
und den ganzen Quatsch von früher

bis in die Puppen

wenn sich heimlich die Blumentöpfe
bevölkern mit

Minizwergen

EINTRACHT PRÜGEL

Marodierende Gedanken
sind im Allgemeinen

als mehr oder weniger glorreiche Stätte
des verlängerten
Rückens zu preisen

der Meisterbeißer

kann nach Hause gehen
(der will da nur spielen)

und die Mannschaft der vorlautesten 11
stellt sich auch so
auf dem Feld in Formation
bis auf
den
Libero
der immer aus der Reihe
(tanzen) muss unbedingt
bis er wieder was
auf die Jacke kriegt

hochdosiertes
Trefferglück

Dieser Tag: ERLEDIGT

dafür weniger gelebt aber schon
für morgen:
Geschirr geschmiert und Brote gewaschen

also: die Küche verlassen aber keine guten Geister

die Gläser im Regal starren verhalten
nur noch im Kühlschrank raunt es ab und zu

der Wackeldackel nickt
die Dunkelheit ab

Achtes Zeichen

Kann nicht mehr hungern
in dieser langen Finsternis

geweissagt wird nur
dass es so nicht weitergeht

Illusionen laufen mir
wie Flüchter in die Nacht davon

das träge Rinnsal Zeit
füllt den Teller auf dem Tisch doch ich

kann nicht mehr hungern
horche in

die Stille

letzte Gedanken
an jemand der längst fort ist während

ich die erste der vier Kerzen vor mich stelle
anzünde und ich

bin nicht mehr schläfrig

erwarte das achte Zeichen der
Morgendämmerung

© 2006-2011 Korvin Reich